Nick
Wie fährt sich das BABY?
Mit Sicherheit bekommst du das GRINSEN gar nicht mehr aus dem Gesicht.
DerBerliner
Ich arbeite in der Entwicklung sehr viel mit dem Sourcing von Produkten aus Asien zusammen. Grundsätzlich kann ich sagen, dass die asiatischen Hersteller unglaublich engagiert sind, ihre Kunden zufriedenzustellen. Die Entwicklungsgeschwindigkeit ist beeindruckend und auch die Kreativität, mit der Lösungen gefunden werden, sucht oft ihresgleichen. Viele westliche Unternehmen könnten sich in diesem Punkt durchaus eine Scheibe abschneiden.
Umso erstaunlicher ist es, dass am Ende häufig genau die letzten fünf Prozent fehlen, die aus einem guten Produkt ein wirklich hervorragendes Produkt machen. Technisch ist vieles auf einem sehr hohen Niveau, aber ausgerechnet bei den scheinbar kleinen Details werden Entscheidungen getroffen, die sich später rächen. Man sitzt davor und denkt sich, warum baut man ein nahezu perfektes Gebäude und reißt es anschließend wegen einer einzigen Kleinigkeit wieder ein.
Ein klassisches Beispiel ist die Verpackung. Da wird ein hochwertiges Produkt entwickelt, in teure Werkzeuge investiert und aufwendige Qualitätsprüfungen durchgeführt. Anschließend spart man ausgerechnet an einer Verpackung, die oft nur wenige Cent mehr kosten würde. Danach wundert man sich über Transportschäden, Reklamationen und hohe Servicekosten. Das Gleiche erlebt man bei Materialien oder Bauteilen. Eine Dichtung wird gegen eine günstigere Variante ersetzt, ein Kunststoff geringfügig verändert oder eine Beschichtung vereinfacht, weil man glaubt, dass der Kunde den Unterschied ohnehin nicht bemerkt. Kurzfristig spart man Geld, langfristig verliert man Vertrauen.
Genau dieses Muster sehe ich inzwischen auch bei vielen chinesischen Fahrzeugen. Da werden Autos entwickelt, die technisch auf Augenhöhe mit europäischen Herstellern sind oder diese in einzelnen Bereichen sogar übertreffen. Gleichzeitig fehlen dann Funktionen, die im Alltag selbstverständlich wären. Im Autohaus gibt es keinen Lackmuster in den angebotenen Farben und gleichzeitig schafft man es nicht dem Händler alle Fahrzeuge in den entsprechenden Farben auf den Hof zu stellen. Scheinwerfer werden ohne Kurvenlicht angeboten, obwohl die Technik vorhanden wäre. Oder der Bildschirm des Navigationssystems wird so positioniert, dass er für Rechtslenker optimal ist, obwohl das Fahrzeug auch als Linkslenker verkauft wird. Solche Entscheidungen beeinflussen jeden Tag das Nutzungserlebnis des Kunden.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele dieser Punkte während der Entwicklung diskutiert werden. Nach meiner Erfahrung scheitern sie aber selten an den Ingenieuren, sondern vielmehr an den Entscheidungen am Ende des Projekts. Irgendwann wird beschlossen, dass die vorhandene Lösung gut genug ist. Genau dort fehlt häufig die Bereitschaft, noch einmal einen Schritt weiterzugehen und das Produkt konsequent aus Sicht des Kunden zu perfektionieren.
Meiner Ansicht nach spielt dabei auch ein gesellschaftlicher Wandel in China eine Rolle. Die Auswirkungen der jahrzehntelangen Ein Kind Politik werden inzwischen nicht nur von Soziologen, sondern auch von Wirtschaftswissenschaftlern diskutiert. Die sogenannte Generation der kleinen Kaiser ist heute in vielen Unternehmen angekommen und übernimmt zunehmend Verantwortung. Als Einzelkinder standen viele von ihnen während ihrer Kindheit im Mittelpunkt ihrer gesamten Familie und wurden von Eltern und Großeltern gleichzeitig gefördert und verwöhnt. Das hat ohne Zweifel eine sehr gut ausgebildete und selbstbewusste Generation hervorgebracht. Gleichzeitig wird dieser Generation aber auch häufiger eine geringere Kritikfähigkeit und ein stärkeres Vertrauen in die eigene Einschätzung zugeschrieben.
Natürlich trifft das nicht auf jeden Einzelnen zu. Dennoch habe ich in der Zusammenarbeit immer wieder den Eindruck, dass Hinweise von Kunden oder Entwicklungspartnern manchmal weniger als wertvolles Feedback, sondern eher als Infragestellung der eigenen Entscheidung verstanden werden. Genau dadurch bleiben oft diese letzten fünf Prozent auf der Strecke. Nicht weil das technische Wissen fehlt, sondern weil man davon überzeugt ist, dass die eigene Lösung bereits ausreichend gut ist.
Für westliche Unternehmen wird das zunehmend zu einer Herausforderung. Chinesische Hersteller entwickeln heute Produkte in einer Geschwindigkeit, die in Europa kaum noch erreichbar ist. Sie verfügen über enorme finanzielle Mittel, hochmoderne Fertigungsanlagen und ausgezeichnete Ingenieure. Der eigentliche Wettbewerbsvorteil des Westens liegt deshalb immer seltener in der Technik selbst, sondern in der Liebe zum Detail, im Qualitätsverständnis und in der Bereitschaft, auch die letzten fünf Prozent konsequent umzusetzen. Genau diese letzten fünf Prozent entscheiden am Ende darüber, ob ein Produkt einfach nur funktioniert oder ob der Kunde begeistert ist und es weiterempfiehlt.
Wenn der Asiate das auch noch verstanden hat, dann war es das mit unserem Wirtschaftsstandort. Andererseits haben wir dann mehr Zeit den Cyberster zu genießen.
